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Kein Kommentar



Bald würde er hier sein.

Sie in ihrer selbsterschafften Idylle stören. Heute passte es ihr überhaupt nicht.

Was soll's.

Selbst schuld.

Denn sie hatte dem Treffen zugestimmt. Nein, hatte sie schon immer ungern gesagt.

Soe schloss ihre Augen und genoss die noch warmen Sonnenstrahlen des goldenen Spätherbstes auf ihrem runzligen Gesicht. Käfer brummten munter, die Autobahn summte müde. Lavendelduft stieg in ihrer Nase und erinnerte sie daran, dass er geschnitten werden musste.

Lange ließ sie sich nicht Zeit. Die Bohnen pflückten sich schließlich nicht von allein. Zur Selbstversorgung baute sie viel Gemüse an und frierte es ein.

In einem dreietagigen Tiefkühlschrank.

Seit ihrer Kindheit zeigte sie ein tiefes Unverständnis für die Erfindung der Tiefkühltruhe. Nicht einmal rückenschonend waren sie. Der schwere Deckel konnte einem außerdem auf den Schädel knallen. Teufelszeug, dass ihr niemals ins Haus kam.


Frisch ans Werk beugte sie sich über das Beet und erntete eine grünlange Schote nach der anderen, bis das Spankörbchen neben ihr voll und sie etwas außer Atem war.

Schließlich war sie keine junge Frau mehr.

Nebenan wuchs Feldsalat und sie bemerkte Fressspuren. Natürlich, diese Nacktschnecken. Eine Plage, die sie begleitete seit sie hier eingezogen waren.

Anscheinend nahmen sie überhand. Wurde höchste Zeit, dass sie ihre Köder ausgelegte. Ha, unterkriegen lassen würde sie sich nicht.

Mit langen kräftigen Schritten ging sie zum Haus zurück. Bummelei war nicht ihre Art und ärgerte sie.

Durch ihre Träumerei hatte sie wertvolle Zeit in ihrer Planung verloren. Jetzt musste sie sich sputen.

Voriges Jahr war sie siebzig Jahre alt geworden und sie war dankbar für ihre rüstige körperliche und geistige Natur. Mit Entsetzen hatte sie Freunde aufgeben, zerfallen und sterben sehen.

Das Ticken der Wanduhr mahnte sie, sich zu eilen.

Vielleicht waren ihre drei Enkelinnen schuld, dass es ihr so gut ging.

Sie schmunzelte.

Die Sonnenstrahlen und der Wind spielte mit den bunten Blättern der Esskastanien vor dem Fenster ihrer Küche und wieder verflossen die Erinnerungen mit der Realität.

Die Bohnen lagen vergessen in der Spüle vor ihr.

Rasselnd kündigte die alte Klingel ihren Besucher an und schuldbewusst zuckte sie zusammen.

Verdammt, sie hatte kaum etwas vorbereitet. Gäste, die weit vor der vereinbarten Zeit kamen, hasste sie.

Doch als sie auf ihre Wanduhr schaute, stellte sie peinlich berührt fest, dass er sich sogar eine halbe Stunde verspätet hatte.

Okay, ruhig Blut.

Du schaffst das.

Die Schürze ab, über den nächsten Stuhl geschmissen und zum Gartentor, ihn hinein lassen.

„Mrs. Biryani?"

„Ja. Guten Tag. Und Sie müssen Mr. Bluewater sein."

„In der Tat. Vom TimeMagazine."

Sie kniff die Augen zusammen.

Jünger hatte sie ihn sich vorgestellt. Am Telefon und auch jetzt klang er frisch. Völlig ungezwungen stand er in einem Polo-Shirt vor ihr als wäre er ihr jahrelanger Nachbar und kein Journalist der sie um ein Interview gebeten hatte.

„Kommen Sie herein. Wir gehen in den Pavillon."

Vorbei an gelben und orangen Dahlien und roten Gladiolen führte sie ihn unter den Birnenbaum und zeigte auf die hellblau gestrichene Holzkonstruktion. Doch er machte keine Anstalten einzutreten, sah sich stattdessen um. Neugierde war seine zweite Natur.

„Machen Sie es sich gemütlich. Nehmen Sie Platz. Mögen Sie Kaffee oder Tee?"

„Ein Kaffee wäre prima. Und ein Glas Wasser bitte."

Die Maschine brodelte. Zwei Stücke von dem Blechkuchen mit Pflaumen waren schnell geschnitten. Morgen würde ihre Familie sie zum Kaffee besuchen. Sie freute sich darauf. Ihr Liebling war die kleine Michel, aber das würde sie nie jemanden sagen. Auch ihr nicht, sonst stieg ihr das zu Kopf.

Ein Klopfen am Türrahmen.

Mr. Bluewater trat ein. Lächelnd.


Das war ihr nicht recht. Schnell huschten ihre Augen in jede Ecke, ob sie nicht ein Foto ihrer Familie aus Versehen hatte liegen lassen. Der Kuchen war glücklicherweise schon im Herd verschwunden.

„Ein schönes Zuhause haben Sie."

„Danke."

Klirrend stellte sie die Tassen auf die Teller.

„Kann ich Ihnen helfen?"

Gurgelnd goss sie den Kaffee ein. An das Glas Wasser hatte sie ebenfalls gedacht.

„Selbstverständlich. Nehmen Sie das Tablett und gehen Sie voran."

So schnell wie möglich wollte sie ihn aus ihrem Haus haben. Sie schnappte sich die Kristallschüssel mit dem silbernen Löffel ihre Tante Sophie.

„Ich nehme die Sahne."

Mr. Bluewater nahm sich Zeit zum Essen, Während sie hibbelig wie auf heißen Kohlen saß. Am liebsten wäre ihr gewesen, er wäre bereits wieder verschwunden.

„Mrs. Biryani, was war der perfekte Moment in Ihrer Karriere?"

Oh nein, nicht diese alte Leier. Was für weitere geistlose Fragen würde sie heute beantworten müssen? Sie hätte ihn intelligenter eingeschätzt. Wie im Automatismus eines Roboters legte sie ihm eine Antwort nach der anderen vor. Sich strikt an die offiziellen Angaben haltend.

„Wem vermachen Sie Ihr Vermögen, Ihren Besitz?"

Mit ausgebreiteten Armen umspannte er den Tisch und meinte ihr Universum. Für einen Moment setzte ihr Herz aus. Gezwungen ruhig, senkte sie ihr Blick, nahm den kleinen Löffel und rührte scheinbar gedankenverloren in dem letzten Rest kalten Kaffees. Konnte er etwas ahnen? Nein, über die Jahre hatte sie ihre Vorsicht perfektioniert und die zweite Maske war ihr zur Gewohnheit geworden. Weniger zu ihrem Schutz, sondern der ihrer Lieben. Das ging die Öffentlichkeit nicht einen Jota an. Sie beglückwünschte sich zu ihrer Geistesgegenwart und der noch immer ihr innewohnenden Fähigkeit den Gegner mit Finten zu täuschen. Doch manchmal half nur ein Frontalschlag mit einem Knockout.

Mit einem Ruck sah sie hoch und blickte ihn mit zusammengekniffenen Augen eines Adlers streng an. Wie bei einem schnellen Schlag schmetterte sie die Worte hinaus, die ihn getroffen taumeln und zu Boden niedergingen ließen: „Kein Kommentar."

Er merkte, dass er zu weit gegangen war und steckte die Niederlage souverän weg.

„Okay."

Es war ein fairer Wettstreit.

Dann schaute er auf seine Notizen: „Was hat Sie je an der Ausübung Ihres Sportes gestört?"

Sie fing sich, brachte sogar ein Schmunzeln zustanden. Das hatte sie tatsächlich noch niemand gefragt: „Der strenge Ernährungsplan. Im Nachhinein war es in Ordnung. Ich glaube, sonst wäre ich nicht so fit wie ich jetzt bin."

„Schauen Sie sich ab und an einen Kampf im Fernsehen an?"

„Oja. Keinen einzigen lass ich mir entgehen. Auch wenn sie es nicht hören können, feuere ich jeden meiner Favoriten solange an bis ich heiser bin."

Sie lachte rau.

„Die jungen SportlerInnen geben mir das Gefühl wieder jung zu sein, im Ring zu stehen und einen Schlag nach dem anderen zu verteilen."

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